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1. Der Traum vom Wachliegen

Sie sind täuschend echt - und dann stellt sich die Fragen, wie wir wissen, ob wir nicht unser ganzes Leben nur träumen? Wir träumen in allen Schlafphasen und fast während der gesamten Nacht. Wenn wir aus dem Tiefschlaf geweckt werden, können wir uns nur ca. zu einem Drittel an unsere Träume erinnern. Beim Leicht- und REM-Schlaf sind die Trauminhalte kaum voneinander unterscheidbar. Wenn wir kurz nach dem Einschlafen aus dem Leichtschlaf geweckt werden, können wir fast immer von Traumerlebnissen berichten. Das sind meist kurze, schnappschussartige Bilder, in der REM-Phase sind diese noch etwas lebhafter. In den Träumen dieser beiden Schlafphasen tauchen häufig Elemente von Tätigkeiten auf, die wir vor dem zu Bett gehen erlebt haben. Das beweist, dass sich eine angenehme Abendroutine bezahlt macht.

Weckt man Menschen mit Schlafstörungen in der REM-Phase auf, sagt ca. jeder 6. Patient, er wäre gerade wach gelegen, obwohl sie nachweislich in der REM-Phase waren. Diese Menschen sagen dann, sie hätten sich gerade darüber Gedanken gemacht, warum sie schon wieder wach liegen und nicht schlafen können. Sie hatten offenbar vom wachliegen geträumt. Es ist also unfair: man hat den ganzen Tag Angst, nicht schlafen zu können, und dann gaukeln einem die eigenen Träume genau das auch noch vor. Traum und Wirklichkeit können mitunter vollkommen verschwimmen. Und das ist gar nicht so unüblich. Wir träumen am meisten von Dingen, die uns auch im Alltag begegnen.

Ein Forscherteam hat mitgetrackt, was Menschen im Schlaf so von sich geben. Es schien so, als würden sie im Schlaf bevorzugt streiten. Das häufigste Wort war “Nein”, das zweithäufigste “Du”. Dazwischen gab es Pausen, nachdem wieder auf den imaginären Gesprächspartner geantwortet bzw. geschimpft wurde. Wir nehmen also hauptsächlich unser Tagesgeschehen mit in die Träume. Dabei fokussieren wir uns auf die Dinge, die uns emotional bewegen, die uns Angst machen oder sehr stark gefreut haben. Im Traum überwiegen aber leider die negativen Aspekte. Testschläfer träumen oft von den psychologischen Tests, die sie vor dem Schlaflabor absolvieren müssen.

Die Leichtschlafphasen ähneln generell dem Tagträumen oder Dösen, sie werden oft nicht als schlafen wahrgenommen, das ist ein Grund dafür, dass Insomniepatienten ihre Schlafdauer massiv unterschätzen. Sie glauben meist, viel weniger geschlafen zu haben, als es tatsächlich der Fall war. Ein Grund ist, dass sich eben Leichtschlafphasen kaum vom Wachsein unterscheiden, und ein weiterer Grund ist, dass sich das Thema Schlaflosigkeit in den Träumen massiv aufdrängt. Wenn sie aufwachen, sind sie überzeugt, nicht geschlafen zu haben. Wenn man Menschen mit und ohne Schlafprobleme vergleicht, stellt sich heraus, dass Insomniepatienten nur eine halbe Stunde weniger Schlaf bekommen als Normalschläfer. Der gute Schläfer überschätzt, der Schlaflose unterschätzt sie gnadenlos. Es kann sogar so weit kommen, dass Menschen mit Schlafproblemen sich viel mehr an die Wachphasen erinnern, sich geradezu darauf hintrainieren, weil diese als bedrohlich wahrgenommen werden. Der gute Schläfer vergisst die Wachperioden, weil sie für ihn irrelevant sind. Der Insomniepatient empfindet jede Wachphase als Bedrohung, weil er sich denkt: Achtung, schon wieder wach, mit mir stimmt was nicht! Und nach einer kurzen Schlafperiode vermutet man darüber hinaus, dass man gar nicht geschlafen hat, sondern die ganze Zeit wach gelegen hat.

Träume und Wirklichkeit gehen oft fließend ineinander über. Besonders während der Nacht ist es nicht immer einfach, zwischen Träumen und Wachsein zu unterscheiden. Gerade die leichteren Schlafphasen fühlen sich an wie Nachdenken, Abschweifen oder Tagträumen. Wenn du dir nicht sicher bist, ob du gerade wach warst oder geschlafen hast, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass du tatsächlich geschlafen hast. Leider gibt es außerhalb des Schlaflabors keine Möglichkeit, das wirklich festzustellen. Aber: was bringt uns denn das Wissen eigentlich? Wahrscheinlich gar nicht so viel. Zu wissen, ob wir gerade wach waren oder geschlafen haben, ist eine ziellose Frage, die uns nur verunsichert, sonst nichts.

Unsere Träume sind nicht immer bunt und spektaktulär. Meist träumen wir nur unser ganz normales Leben, das kurz in den Mixer geworfen wurde, mit einem leichten Übergewicht auf die negativen Seiten und auf unsere Ängste. Menschen mit Schlafproblemen träumen häufiger vom Wachliegen und nicht schlafen können, weil sich ihr Leben um ihr Schlafproblem dreht. Zusätzlich nehmen Insomniepatienten viele PHasen des Schlafes als Wachphasen war und neigen dazu, die Schlafdauer deutlich zu unterschätzen, obwohl sie im Schnitt nur 30 Minuten kürzer schlafen als normale Schläfer. Ihre Aufmerksamkeit ist auf die Wachperioden gerichtet.